
Spezielle Messmethode spürt unsichtbare Schäden am Hildesheimer Trinitatis-Altar auf
Wie lässt sich erkennen, ob das Holz einer jahrhundertealten Skulptur unter ihrer gefassten Oberfläche noch stabil ist? Vom 21. bis 25. September 2026 untersucht ein interdisziplinäres Forschungsteam der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen und der Philipps-Universität Marburg den mehr als 600 Jahre alten Trinitatis-Altar im RPM Museum Hildesheim. Die Messkampagne ist Teil des vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) geförderten Forschungsprojekts Heritage Resilience Analysis – HeRA. Die in Niedersachsen an der HAWK angesiedelte Arbeitsgruppe ist nach Kenntnis des Forschungsteams bundesweit die einzige, die sich kontinuierlich und interdisziplinär mit der Materialbewertung mittels THz-Technologie an Kulturgütern beschäftigt. Unterstützt wird sie unter anderem von der THz-Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Martin Koch der Universität Marburg. Mit einem Terahertz (THz)Roboterarmsystem werden dann in dem Zeitraum ausgewählte Bereiche des Altars berührungslos und zerstörungsfrei untersucht. Die THz-Zeitbereichsspektroskopie, kurz THz-TDS, kann oberflächennah Informationen zum Materialverbund liefern, ohne dass Proben entnommen werden müssen. Kurze gepulste THz-Strahlung dringt in das Material ein und wird an Übergängen, wie zum Beispiel zwischen der Fassung und dem Holz und bei Hohlräumen, reflektiert. So können unter anderem Fraßgänge, Ablösungen und weitere strukturelle Veränderungen detektiert werden, die von außen nicht oder nur schwer zu erkennen sind.
Der Trinitatis-Altar wird derzeit im RPM von der Restauratorin und HAWK-Projektkoordinatorin Roksana Jachim restauriert. Für die Arbeiten ist das Retabel in einzelne Bestandteile zerlegt. Dadurch bietet sich dem Forschungsteam die seltene Möglichkeit, auch Bereiche zu untersuchen, die im aufgebauten Zustand nicht zugänglich wären. „Für die Restaurierung ist entscheidend, nicht nur die sichtbare Oberfläche, sondern auch den Zustand der tiefer liegenden Materialanbindungen einschätzen zu können“, erklärt Jachim, „am Trinitatis-Altar können wir die THz-Messungen unmittelbar mit den restauratorischen Befunden am Objekt zusammenführen.“ Dr. habil. Lara Weiss, Leiterin des RPM Museum Hildesheim freut sich auf die detaillierten Untersuchungsergebnisse zu dem qualitätvollen Altar:
„Gerade bei uns im Museumsbereich könnte diese Forschung die zukünftigen restauratorischen und konservatorischen Behandlungsmethoden entscheidend beeinflussen und wesentlich zum Erhalt des Kulturgutes beitragen“.
Zwei Skulpturen des Trinitatis-Altars waren bereits in dem Vorgängerprojekt (TeAH) der HAWK an entfestigter anthropogen geschädigter Holzsubstanz mit THz-Strahlung untersucht worden. Während der aktuellen Messkampagne werden sie erneut vermessen. Der Vergleich der Messdaten soll zeigen, wie zuverlässig strukturelle Merkmale über einen längeren Zeitraum erfasst und Veränderungen dokumentiert werden können. Damit wird zugleich geprüft, wie sich die Methode künftig für ein objektives Langzeitmonitoring wertvoller Kulturgüter einsetzen lässt. Die Ergebnisse des Vorgängerprojekts wurden im August 2026 unter dem Titel „Mobile terahertz spectroscopy for in-situ evaluation of structural characteristics in wooden artefacts“ im renommierten internationalen Fachjournal npj Heritage Science aus dem Nature Portfolio veröffentlicht. Sie bildet eine wichtige wissenschaftliche Grundlage für die Weiterentwicklung der Methode im Projekt HeRA. Von der Messung zur automatisierten Bewertung mit KI
HeRA führt diese Forschung weiter. Ziel ist es, die THz-Analyse weiterzuentwickeln und für die restauratorische Praxis nutzbar zu machen. Ein Schwerpunkt liegt auf der KI-gestützten Auswertung der Messdaten. Gespeist mit diesen Daten soll am Ende des Forschungsprojektes ein THz-Handheldsystem den Einsatz von Messungen an Kulturgut und deren oberflächennahe Substanzbewertung vereinfachen. „Wir wollen aus komplexen physikalischen Messdaten eine verlässliche und praktisch nutzbare Entscheidungshilfe für den Kulturgüterschutz entwickeln“, erläutert Projektleiterin Dr.-Ing. Dipl.-Rest. Kirsti Krügener von der HAWK. „So könnten verborgene Schäden und Änderungen des Materialgefüges früher erkannt und konservatorische Maßnahmen, Transporte oder Leihgaben besser beurteilt werden.“ Der Trinitatis-Altar
Das Retabel aus dem ehemaligen Trinitatisspital in Hildesheim zählt zu den bedeutendsten Werken der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Niedersachsen. Mit seiner qualitätvollen Schnitzkunst und der vielschichtigen historischen Fassung ist es ein herausragendes Zeugnis spätmittelalterlicher Frömmigkeits- und Bildkultur der Region. Der Altar verfügt über 23 Einzelskulpturen, die sich auf den Schrein, die Flügelinnenseiten und den Altarsockel verteilen. Die rückseitigen Flügelaußenseiten und die Schreinrückseite zeigen Malereien. Viele Standortwechsel in der Geschichte des Trinitatisaltars und frühere Eingriffe haben das Kunstwerk in einen empfindlichen Zustand versetzt, der die aktuelle Restaurierung erforderlich macht. Öffentliche Restaurierung im RPM
Besucher*innen des RPM können im Rahmen des regulären Museumsbesuchs immer dienstags von 16 bis 17 Uhr bei einer Schaurestaurierung der Restauratorin Roksana Jachim über die Schulter schauen und aus erster Hand erfahren, welche Arbeitsschritte für die Erhaltung des Altars notwendig sind.
Foto: oh/RPM
